Perspektivwechsel als Führungskompetenz: Rückblick auf die Leadershift von brandeins 

Ein Workshop endet nicht immer mit dem letzten Satz. Manchmal beginnen die spannendsten Gespräche erst danach. So ging es uns bei der Leadershift Konferenz in Hamburg. Gemeinsam mit rund 50 Führungskräften aus unterschiedlichsten Branchen haben wir uns in einem Workshop mit der „Superpower Perspektivwechsel“ beschäftigt. Als Referentinnen waren Ann-Cathrin Woltersdorf, Jenny Buchwald und Johanna Hollank dabei. 

Warum wir dieselbe Situation unterschiedlich erleben

Im Führungsalltag erleben wir immer wieder Situationen, die auf den ersten Blick eindeutig erscheinen. Eine Rückmeldung wird gegeben, eine Entscheidung kommuniziert, ein Konflikt besprochen. Trotzdem nehmen die Beteiligten dieselbe Situation häufig ganz unterschiedlich wahr. Was für die eine Person eine konstruktive Rückfrage ist, wirkt auf eine andere kritisch oder abwertend. Was als notwendige Veränderung gedacht ist, wird von anderen als Unsicherheit oder Belastung erlebt. 

Diese Unterschiede entstehen nicht zufällig. Wir alle haben unsere eigene Perspektive auf die Welt. Sie ist geprägt von Erfahrungen, Werten, Erwartungen und den Mustern, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben. Das hilft uns, uns in einer komplexen Welt zu orientieren. Gleichzeitig wird dadurch beeinflusst, wie wir Situationen einordnen, welche Bedeutungen wir ihnen zuschreiben und wie wir reagieren. Für Führungskräfte entsteht daraus eine entscheidende Aufgabe: die eigene Perspektive nicht mit der einzigen möglichen Perspektive zu verwechseln. 

Die eigene „Schemabrille“ erkennen 

Im Workshop haben wir hierzu Konzepte aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) sowie der Schematherapie auf den Führungskontext übertragen. Dabei spielten zum Beispiel die folgenden Fragen eine Rolle: 

  • Warum reagieren wir in bestimmten Situationen anders, als wir es von uns selbst erwarten würden? 
  • Warum beschäftigen uns manche Konflikte oder Rückmeldungen noch lange, obwohl das Gespräch längst vorbei ist? 
  • Was hilft, wenn starke Emotionen oder innere Bewertungen unseren Blick verengen? 

Ein hilfreicher Ansatz liegt darin, die eigene „Schemabrille“ bewusst wahrzunehmen. Ein Stirnrunzeln, eine knappe Antwort, ein fehlender Gruß – manchmal reicht ein kleiner Reiz und unsere Denk- und Gefühlsautobahn springt an. Dahinter stehen Schemata: in Kindheit und Jugend geprägte Denk-, Gefühls- und Bewertungsmuster, die Situationen blitzschnell einordnen. Das kann uns grundsätzlich helfen und Orientierung geben, aber auch zu Fehlalarm führen. Zumal sie sich häufig wie die einzig wahre und plausible Erklärung für eine Situation – oft für das Verhalten von anderen – anfühlt. Es gibt Schemata, die beispielsweise dafür sorgen, dass ich den Erwartungen und Ansprüchen von mir und anderen nie gerecht werden kann. Damit einher gehen auch bestimmte Gefühle, die unangenehm sein können, wie z. B. Hilflosigkeit, Scham, Schuld, aber auch Wut, Ärger oder Trotz.  

Sich dieser Muster bewusst zu werden bedeutet nicht, sie abzulegen. Es bedeutet zunächst, einen Schritt zurückzutreten und zu erkennen, dass die eigene Sichtweise nur eine von mehreren möglichen Perspektiven ist. 

Psychische Flexibilität als Führungsressource 

Für Führungskräfte gehören herausfordernde Situationen zum Alltag: Konflikte, Unsicherheit, Veränderungsprozesse oder widersprüchliche Anforderungen lassen sich nicht vermeiden. Die Superpower Perspektivwechsel kann dabei unterstützen, die eigene Wahrnehmung zu erweitern, innere Reaktionen wahrzunehmen, vorschnelle Bewertungen zu hinterfragen und so auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn Situationen komplex werden. 

Psychische Flexibilität ist hierfür ein Schlüssel. Wenn wir in verschiedene Richtungen denken und diverse Möglichkeiten in Betracht ziehen, eröffnet dies neue Sichtweisen und Blickwinkel auf Verhaltensweisen, Ereignisse oder Herausforderungen. Wir reflektieren bewusst unsere eigene Wahrnehmung und erweitern gewohnte Perspektiven. Das fördert echtes gegenseitiges Verständnis und bewusstere Kommunikation. 

Perspektivwechsel im Führungsalltag  

Im Workshop haben die Teilnehmenden anhand von Selbstreflexionsübungen sowie Praxisbeispielen gearbeitet und unterschiedliche Perspektiven auf konkrete Situationen eingenommen. Kernfragen waren 

  • Wie schaffe ich es, mein Gegenüber wirklich zu verstehen – auch dann, wenn ich anderer Meinung bin oder unter Druck stehe? 
  • Wie baue ich gezielt Vertrauen auf, sodass Mitarbeitende offen sprechen und sich ehrlich  
  • einbringen? 
  • Wie kommuniziere ich so, dass meine Botschaften nicht nur gehört, sondern auch verstanden werden? 
  • Wie gehe ich mit schwierigen Situationen so um, dass Beziehung, Vertrauen und Klarheit erhalten bleiben? 

Gerade in vielfältig zusammengesetzten Teams, in internationalen Arbeitskontexten oder in Veränderungsprozessen kann der Perspektivwechsel einen entscheidenden Unterschied machen. Wer verschiedene Sichtweisen einbezieht, schafft bessere Voraussetzungen für gegenseitiges Verständnis und eine gute Zusammenarbeit. 

Unser Fazit zur Leadershift 

Die Leadershift bleibt uns vor allem wegen der Offenheit, Neugier und Reflexionsbereitschaft der Teilnehmenden in Erinnerung. Die Gespräche nach dem Workshop haben gezeigt, wie groß das Interesse an wirksamer, menschlicher und reflektierter Führung ist. 

In einer Arbeitswelt, die zunehmend komplexer und vielfältiger wird, helfen selten einfache Antworten. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, die eigene Sichtweise zu hinterfragen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und auch in herausfordernden Situationen handlungsfähig zu bleiben. 

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für die spannenden Diskussionen, die eingebrachten Beispiele aus der Praxis und die Bereitschaft, eigene Perspektiven zu teilen. Wir freuen uns darauf, die Gespräche fortzusetzen. 

Fotos: Christoph Niemann, Brandeins; Johanna Hollank; Jenny Buchwald

  

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